To buy or not to buy.
Nie war die Börse so schön wie heute. Ein Höchststand jagt den nächsten. Das muss so weitergehen. Ganz sicher.
Es gibt einen Satz, der an der Börse immer ein bisschen komisch klingt, weil er so vernünftig ist, dass ihn dort niemand ernst nimmt: Take profits.
Die Analysten der Bank of America Securities haben ihn diese Woche trotzdem ausgesprochen. Strategin Savita Subramanian und ihr Team haben in einer Notiz vom 5. Juni ausgerechnet, dass inzwischen rund 70 Prozent jener Warnsignale aufgeleuchtet sind, die historisch an Marktspitzen zu beobachten waren. Der S&P 500 sei auf 17 von 20 Bewertungsmetriken statistisch teuer – und liege damit sogar über den Niveaus, die man aus der Dotcom-Blase* kennt.
Ihre Empfehlung: Gewinne mitnehmen.
Der Promptologe liest das und schaut sich den Kalender an: SpaceX plant seinen Börsengang für Juni, angeblich unter dem Ticker SPCX auf dem Nasdaq. Angestrebte Bewertung: 1,75 bis zwei Billionen Dollar. Elon Musk würde damit, auf dem Papier, zum ersten Billionär der Geschichte. Für einen Nachmittag oder so.
Zur Einordnung: SpaceX hat 2025 einen Umsatz von 18,7 Milliarden Dollar erwirtschaftet – und dabei 4,9 Milliarden Dollar Verlust gemacht. Im ersten Quartal 2026: 4,7 Milliarden Umsatz, 4,3 Milliarden Verlust. Das Verhältnis ist bemerkenswert stabil. Und zwar im falschen Sinne.
Gleichzeitig soll der Börsengang von SpaceX deutlich überzeichnet sein, da zahlreiche institutionelle Anleger Aktien im Wert von rund 10 Milliarden Dollar oder mehr gezeichnet hätten, so der Wirtschaftsdienst Bloomberg. Keine Pointe.
Hyperschall-Kapitalismus
Weiter geht’s: OpenAI will irgendwann mit einer Billion Dollar Bewertung an die Börse. Databricks wurde im Dezember mit 134 Milliarden bewertet — niedlich im Vergleich: Anthropic schloss im März eine Finanzierungsrunde bei 61,5 Milliarden Dollar ab und ist jetzt 965 Milliarden Dollar Wert — eine unglaubliche Wertsteigerung: Noch im Februar lag die Bewertung von Anthropic bei 380 Milliarden Dollar, weniger als der Hälfte also. Vor vier Monaten. Anthropic, wohlgemerkt, das Unternehmen hinter dem Modell, das der Promptologe gerade zum Schreiben dieses Textes verwendet. Ein schöner Meta-Moment.
Laut CB Insights ging im dritten Quartal des vergangenen Jahres jeder dritte Risikokapitaldollar an eine KI-Firma.
Jeder dritte Dollar.
Die Frage, die alle stellen und die niemand beantwortet
Blase oder nicht? Die Antwort ist seit anderthalb Jahren dieselbe, und sie ist schön in ihrer Nutzlosigkeit: Kommt drauf an.
Databricks-CEO Ali Ghodsi sagte im Dezember 2024, man befinde sich auf dem Höhepunkt der KI-Blase – meinte damit aber nicht seine eigene Firma, sondern all jene mit Milliardenbewertungen und nichts dahinter. Ray Dalio, Gründer der größten Hedgefonds-Gesellschaft der Welt, warnte im November 2025 ebenfalls vor einer Blase und empfahl gleichzeitig, nicht zu verkaufen, sondern zu diversifizieren. Gold. Natürlich Gold. Nvidias Chef Jensen Huang sieht keine Blase, sieht stattdessen eine generative, dann agentische, dann physische KI-Revolution, die alles verändert, und Nvidia ist sowieso anders als alle anderen Beschleuniger.
Jeder hat recht. Keiner weiß es.
Was man sagen kann: Die Muster sind bekannt. Die Dotcom-Blase* hatte spektakuläre Umsatzversprechen und kaum Gewinne. Die aktuellen KI-Bewertungen haben spektakuläre Umsatzversprechen und, nun ja, kaum Gewinne. Der Unterschied, der von den Optimisten gerne betont wird: diesmal gibt es echte Produkte, echte Nutzer, echten Umsatz. Das stimmt.
Was auch stimmt: Pets.com hatte damals auch eine echte Website. So wie Amazon. Von allen Börsenstars der damaligen Zeit blieben nach dem Crash einige übrig, die zu heutigen Giganten wurden. Aber das dauerte Jahrzehnte.
Was SpaceX mit dem Ganzen zu tun hat
Direkt: wenig. Indirekt: viel.
SpaceX ist kein KI-Unternehmen im engeren Sinne, aber es ist das Unternehmen, das den größten Börsengang aller Zeiten plant – mehr als doppelt so groß wie jeder vorherige IPO – in einem Markt, der laut Bank of America an historischen Spitzenwerten kratzt. Bloomberg titelt, der SpaceX-IPO zwinge Indexfonds und Retailinvestoren dazu, ihre Strukturen zu überdenken, weil das Unternehmen einfach zu groß ist, um nach den bisherigen Regeln eingepreist zu werden.
Das klingt nach Triumph. Es klingt aber auch nach dem Moment, kurz bevor jemand aus dem Fenster springt und feststellt, dass Fliegen anstrengender ist als erwartet. In der Dotcom-Blase wurde der „Neue Markt“ an der Frankfurter Börse gegründet, er sollte der Nasdaq Konkurrenz machen. Je mehr Verlust ein Unternehmen machte, desto aggressiver die Vision und die langfristigen Gewinnaussichten. Die vermeintlichen. Das war New Economy. Die Schwerkraft war aufgehoben.
Die Party dauerte so rund fünf Jahre. Mit dem Crash wurde dann auch der Neue Markt geschlossen. Das Kursbarometer des Segments verlor zwischen Hoch und Tief knapp 96 Prozent, und in Summe verloren Anleger einen zweistelligen Milliardenbetrag.
Das WSJ hat sich die SpaceX-IPO-Unterlagen angeschaut und ein paar Details mitgenommen: Musk kontrolliert 85 Prozent der Stimmrechte. SpaceX kaufte 2025 Cybertruck-Fahrzeuge von Tesla zum vollen Listenpreis. SpaceX und xAI bauen gemeinsam eine gigantische Chip-Fabrik namens Terafab. Die Querverbindungen und kreislaufenden Finanzierungen zwischen Musks Unternehmen lesen sich wie ein Konzernjahr aus einem Wirtschaftsstudium – Kapitel: Interessenkonflikte.
Ob das Investoren stört? In einer Euphoriephase eher nicht. In einer Korrektur: ausgesprochen.
Der Wirtschaftsdienst Bloomberg hat den möglichen Ablauf einer solchen Korrektur in seinem Newsletter skizziert:
Die Krise beginnt mit einem Vertrauensverlust und einem Einbruch der US-Aktienmärkte. In unserer Analyse gehen wir davon aus, dass der S&P 500 um 20 % fällt – etwa die Hälfte des Rückgangs beim Platzen der Dotcom-Blase.
…
Für die USA würde die kombinierte Wirkung eines Marktcrashs und eines Einbruchs der Investitionsausgaben die Wirtschaft an den Rand einer Rezession bringen. Unter der Annahme, dass der Crash zu Beginn des nächsten Jahres eintritt, zeigt unser Modell, dass das BIP-Wachstum für 2027 um 1,5 Prozentpunkte einbrechen würde – von einer Basisprognose von rund 2 % auf nur noch 0,4 % –, wobei die Wirtschaft zwei Quartale lang schrumpfen würde.In Taiwan und Südkorea hat die Nachfrage nach Halbleitern von Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation, Samsung Electronics und SK Hynix das Wachstum angekurbelt. Ein Vertrauensverlust würde die Nachfrage einbrechen lassen. Unser Modell zeigt einen Rückgang des jährlichen BIP in Taiwan um etwa 4 % und in Südkorea um über 2 %.
China und Europa – die weniger stark von den Aufwärtsimpulsen der KI-Revolution profitieren und daher weniger anfällig sind, sollte diese vorübergehend zum Stillstand kommen – erleiden einen geringeren, aber dennoch erheblichen Rückschlag, da die US-Verbraucher ihre Geldbörsen schließen und sich die Stimmung trübt. Für die Welt insgesamt belaufen sich die Kosten auf etwa 1,3 % des jährlichen BIP oder 1,6 Billionen US-Dollar – mehr als die gesamte Jahresleistung der Schweiz.
Unser Modell quantifiziert die Intuition hinter den Befürchtungen einer Blase. Es zeigt, dass KI-Investitionen und -Bewertungen ein Niveau erreicht haben, bei dem eine Umkehr der Stimmung ausreichen könnte, um die Weltwirtschaft zu beeinträchtigen.
Und jetzt?
Der Promptologe ist kein Finanzberater, macht keine Anlageempfehlungen und besitzt, soweit er weiß, keine SpaceX-Aktien. Er beobachtet nur, dass gerade mehrere Dinge gleichzeitig passieren, die in Kombination interessant sind: ein Rekord-IPO in einem überhitzten Markt, Warnsignale auf dem Niveau früherer Hochpunkte, Bewertungen, die historische Vergleiche bemühen müssen – und zwar solche aus dem Jahr 2000.
Ray Dalio sagte, die Blase platzt, wenn die Thiels dieser Welt verkaufen müssen, weil ihnen das Geld ausgeht.
Ob SpaceX ein Peak-Signal ist oder der Beginn eines neuen Kapitels – man wird es in ein paar Jahren wissen. Wahrscheinlich in drei. Vielleicht auch schon in sechs Monaten.
Take profits, sagt Bank of America.
Ein Bullenmarkt ist wie Sex: am schönsten vor dem Ende. Sagt André Kostolany.
Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes. Sagen die Ökonomen.
Der Promptologe nimmt das zur Kenntnis und trinkt seinen Kaffee aus. Den hat er nicht auf Kredit gekauft.
*wenn ihr zu jung seid, um in der Dotcom-Blase Geld verloren zu haben, hier könnt ihr nachlesen. Für etwaige Parallelen und Déjà-vu-Erlebnisse übernimmt Der Promptologe keine Gewähr: Dotcom-Blase
Der Promptologe, 09.06.2026
Offenlegung: Dieser Beitrag entstand mit Hilfe von Anthropic Claude.
(Nein, der Gedanken — ist kein Hinweis auf die KI. Ich schreibe so. Bin altmodisch.)




