#KillYourEgo
Eine Woche in der Münchner KI-Welt: MUC.KI – das KI-Meetup München
Mal was anderes: Kill Your Ego.
Da vorne steht Martin Rothhaar in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen und sagt: Das hier ist keine Verkaufsveranstaltung. Ihr sollt nicht erzählen, wie toll ihr seid, der Sales-Pitch bleibt bitte zu Hause, ihr trefft hier nicht auf potenzielle Kunden, sondern auf Menschen, die sich ebenfalls mit KI auskennen und diese anwenden. Hier zählt das Wissen und die Erfahrung jeder einzelnen Person im Raum. Erfahrungen offen teilen und gemeinsam weiterentwickeln.
Ein mutiger Ansatz. Gerade in München, wo jeder Wichtel ein wichtiger Player ist, der dir zuerst seine Einmaligkeit erklärt. Business Angel ist oder zumindest Serial Entrepreneur (also mehrere Start-ups in den Sand gesetzt hat). Aber hier soll nun alles anders laufen.
Der Promptologe schaut etwas verunsichert an sich herunter - OK, er hat die Business Attire zum Glück sehr zurückgefahren, obwohl er doch noch einen Blazer über dem schwarzen Pullover gezogen hat. So ziemlich als einziger hier… Aber dann geht’s schon los, die Agenda des Abends soll ja aus der Menge der Teilnehmenden entstehen, so geschätzt 80 Personen dürften es sein. Weit überwiegend Männer, natürlich.
Die ersten Runden laufen über Gruppenbildung nach dem Zufallsprinzip. In den Gruppen soll man sich gegenseitig kennenlernen. Dazu scannen wir einen QR-Code mit dem Smartphone und der Screen leuchtet in einer Farbe. Menschen mit gleicher Farbe finden sich zur ersten Runde. Der Promptologe ist blau und findet seine Runde, so etwa sieben oder acht haben sich im Stuhlkreis gesetzt. Einer sitzt auf einem Barhocker und überragt uns somit alle, obwohl er klein, stämmig und mit gewaltigen Muskeln ausgestattet ist.
Er begrüßt die Teilnehmenden breit lächelnd mit vielen weiß strahlenden Zähnen und startet enthusiastisch damit, sich vorzustellen. Nachdem er nicht aufhört zu reden (er sei ja eigentlich nicht hier, bis vor drei Minuten wusste er nicht, dass er hier sein werde, er sei eigentlich nur im Durchflug und Serial Entrepreneur, er habe gerade seine neue App gelauncht, eine KI-App für persönliche Finanzen, und…) Als er mal Luft holt, legt ihm der grauhaarige Pferdeschwanzträger neben ihm die Hand sanft auf den Oberschenkel und fragt, ob er denn zum Veranstaltungsteam hier gehöre und der Moderator der Gruppe sei? Da guckt er leicht verständnislos - nein, wie man darauf käme? - und sprudelt wieder los. Allerdings ist da die Zeit rum, die Gruppen lösen sich auf, sein Redeschwall erstirbt mitten im Satz. Nun, einer von sieben hat sich vorgestellt.
Also nächste Runde, kleinere Gruppen, schon klappt das besser. Vadim ist dabei, der in seinem Keller ein ganzes Gespann von KI-Agents auf seinem Rechner herumturnen hat (OpenClaw, was auch sonst) ist glücklich, dadurch wieder mehr zu Hause zu sein. Um ihnen eine Aufgabe zu geben, sind diese auf Trading angesetzt. Die Bots arbeiten in einer hierarchischen Struktur, einer hält die Fäden zusammen, darunter finden sich Spezialisten für Recherche, andere für das Lernen aus Fehlern und Erfolgen, andere zur Auswertung. Bald will Vadim die Unternehmungen deutlich expandieren: Hostingraum bei Hetzner ist schon angemietet für dann 70 bis 80 solcher Agents.
Der Promptologe hat sich mit Vadim vernetzt und wird berichten, ob er reich wird.
Einige Runden später hat der Promptologe auch erfahren, dass es in einer großen Versicherung kaum Prozesse gibt, dass KI im Gesundheitsbereich fragwürdig ist und dass hier sehr viele sehr sympathische Menschen sind.
Nach dem Kennenlernen wird abgetaucht
Der zweite Teil des Abends wird aus der Reihe der Teilnehmenden spontan gestaltet. Martin Rothaar bittet um Themenvorschläge, rund zwölf kommen zustande, so bilden sich in der ersten Runde sechs Gruppen, die anderen sind für die zweite Runde vorgesehen. Der Promptologe entscheidet sich den heißen Scheiß in der ersten Runde und für ein gähnend langweiliges Thema in der zweiten.
Openspace heißt das Format ohne Vorbereitung mit maximaler Spontaneität:
Für die Gruppenrunden gilt:
Wer kommt, ist die richtige Person
Offenheit, für das, was geschieht
Es beginnt, wenn die Zeit reif ist
Vorbei ist vorbei
Nun ist offenbar die Zeit reif für den Beginn, denn die Gruppen finden sich.
Also geht der Promptologe in der ersten Runde zur OpenClaw-Selbsthilfegruppe und trifft da auch den grauhaarigen Pferdeschwanzträger wieder. Diese „Deep Dives“ sind für eine halbe Stunde angesetzt. Der Themenvorschlager ist hier auch als Moderator gesetzt. Die Erfahrungen mit OpenClaw umspannen einen weiten Bereich - von reinem Interesse („aber ich würde es nicht anfassen“) bis zum ausgefuchsten Agentensystem, das einem Teilnehmer Tickets bearbeitet, nach Kanban-Systematik weiterschiebt und ihm im Ski-Urlaub Status-Benachrichtigungen aufs Handy schickt.
Deutlich die Faszination - „da lebt wirklich einer im Rechner“ - und die Warnung: Macht es nur, wenn ihr wisst, was ihr tut. Der Agent macht nämlich einfach selber, ohne um Erlaubnis zu fragen. Das ist das „autonom“ im autonomen Agenten.
Auf euren eigentlichen Rechner lasst ihr den Agenten auf keinen Fall, der wird auf einem getrennten System ohne Zugriff auf eure Daten installiert. Die Horrorgeschichten von ins Netz gestellten Passwörtern und Kreditkartendaten machen die Runde, aber auch die Erfahrenen hier haben was zu erzählen. Dem einen hat der Agent die JASON-Konfig zerschossen, in seinem Urlaub. Damit war sein System weg für vier Tage und nicht mehr gesehen, bis er wieder zu Hause war. Der andere ist im Google-Startup-Nest in Watte gepackt, so konnte er mehrere tausend Euro in Form von Token verbrennen, privat wäre das schon wirklich schmerzhaft. Der Hummer kann übel zwicken.
OpenClaw: Der Promptologe hat so seine Schwierigkeiten sinnvolle Anwendungen zu finden.
Was dem Promptologen aber immer noch fehlt, ist der konkrete Anwendungsfall - wofür soll er den Agenten einsetzen? Die immer wieder genannten Aufgaben wie "E-Mail Beantworten“ und „Reise buchen“ führt zum kollektiven Gähnen in der Runde. Aber abseits des Ticket-Beispieles und einer morgendlichen Aufbereitung der News nach Vorliebe wird auch hier nichts genannt.
Irgendwie hat der Promptologe das Gefühl, es handelt sich bei OpenClaw um das Gegenstück zur Modelleisenbahn, nur mit echten Chemieabfällen in den Tankwagen. Faszinierend damit zu spielen, im Prinzip (noch?) nutzlos, aber mit gewaltigem Schadenspotenzial. Na ja, es soll Menschen geben, die sich ein Gummiseil ans Bein binden und dann in Schluchten springen.
In der zweiten Runde schließt sich der Promptologe dann der Gruppe an, die sich die Frage nach der Zukunft der Medien, vor allem der Verlage, stellt. Ach es ist und bleibt deprimierend. Die KI macht nun die letzten Geschäftsmodelle im Digitalen zunichte, Bezahlschranke oder nicht, die KI aktiv füttern oder ausschließen - auch die Gruppe weiß keinen Rat. Der Promptologe fragt sich nicht zum ersten Mal, warum er sich den Jammer immer wieder antut.
Nach den Runden soll jeweils der Themenvorschlager noch ein kurzes Fazit aus seiner Gruppe für alle formulieren („Drei Sätze!“ ruft Martin mehrmals und hält drei Finger hoch, für akustisch herausgeforderte). Bei den meisten funktioniert das ganz gut, nur ein- oder zweimal muss Martin eingreifen, um den Rededrang zu bändigen. Womit aber keiner gerechnet hat, ist der Auftritt von Eric. Ein Schlumpf mit Strickmütze, Baggy Pants und grünen Schuhen, hat der das spannende Thema „Design und KI“ gepitcht und kann jetzt nicht sagen, was in der Gruppe besprochen wurde und was die Kernsätze wären. Er steht da wie vom Donner gerührt und meint, da müsste man die Gruppe… Martin rettet indem er einfach das Mikro übernimmt und den nächsten nach vorne bittet.
Zum Abschluss trifft der Promptologe Vadim mit den vielen Agenten wieder, man wünscht sich alles Gute und wird Kontakt halten. Auf dem Weg nach draußen saust dann noch der muskulöse Redeschwall aus der allerersten Vorstellungsrunde vorbei, immer noch auf Durchflug, nur sieht er nicht mehr so strahlend aus. Eher mißmutig. Offenbar hat ihm vorher keiner gesagt, dass er den Sales-Pitch stecken lassen soll.
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