Beginnt so der KI-CRASH? Midjourney baut jetzt Badewannen.
Es gibt Nachrichten, die man zweimal liest. Nicht weil man sie nicht verstanden hat. Sondern weil man hofft, beim zweiten Lesen stünde da etwas anderes. Es bleibt dabei: von der KI in die Badewanne.
Die Badewannen sollen einen Ganzkörperscan erstellen und in Spas im Rahmen von Wellness angeboten werden. Ohne jede Spur von KI.
Nano Banana 2, Prompt Der Promptologe
Zur Erinnerung: Midjourney ist das Unternehmen, das 2022 die Welt damit überraschte, dass man einem Computer einen Satz hinwerfen kann — „ein Ritter reitet durch einen Cyberpunk-Regenwald bei Sonnenuntergang, Ölgemälde” — und drei Sekunden später etwas bekommt, das aussieht wie ein Gemälde. Das war bemerkenswert. Das war eine echte technologische Zäsur. Ungefähr zwanzig Millionen Menschen haben sich seitdem auf der Discord-Plattform von Midjourney angemeldet, das Unternehmen hat zuletzt 500 Millionen Dollar Jahresumsatz gemeldet, und die Bewertung steht irgendwo bei 10 Milliarden Dollar.
Und jetzt baut David Holz, Gründer und CEO, eine Badewanne.
Keine gewöhnliche Badewanne, wohlgemerkt. Eine Badewanne mit 358.000 Ultraschall-Transducern. Der Plan: Man steigt auf eine Plattform, taucht mit einer Geschwindigkeit von zwei Zoll pro Sekunde in Wasser ab, und während man sinkt, bombardieren Schallwellen aus Hunderttausenden winziger Elemente den Körper aus allen Richtungen. Ein Computer-Cluster rechnet daraus in etwa 60 Sekunden ein dreidimensionales Bild des Inneren. Midjourney nennt das „Ultrasonic CT”. Das klingt nach medizinischer Bildgebung. Es ist auch medizinische Bildgebung. Nur von einem Unternehmen gebaut, das eigentlich Fantasy-Portraits produziert.
Wessen Technologie das eigentlich ist
Hier wäre ein guter Moment, kurz innezuhalten.
Die Technologie hinter dem Scanner kommt nicht von Midjourney. Sie kommt von Butterfly Network, einem amerikanischen Medizintechnikunternehmen, das seit Jahren tragbare Ultraschallgeräte für Kliniken baut. Das iQ3, Butterflys aktuelles Handgerät, ist ein elegantes Werkzeug: Eine einzelne Sonde, drei Wellenformen, KI-gestützte Bildverbesserung, über 20 vorkonfigurierte Presets für alles von Herz bis Lunge. Das sind echte, zugelassene Medizinprodukte, die Ärzte täglich einsetzen.
Midjourney hat sich im November 2025 eine exklusive Lizenz an Butterflys Ultrasound-on-Chip-Technologie gesichert. Kostenpunkt laut SEC-Filing: bis zu 74 Millionen Dollar über fünf Jahre. Der Prototyp enthält 40 dieser Butterfly-Module. Butterfly fand es dann offenbar nötig, nach Midjourneys Ankündigung eine eigene Pressemitteilung herauszugeben, um „Kontext zu liefern” — was in der Unternehmenskommunikation ungefähr so viel bedeutet wie: *Hallo, das ist eigentlich unsere Technologie, falls das jemanden interessiert.*
Midjourney hatte den Partner in der ursprünglichen Ankündigung nicht erwähnt.
Der Promptologe findet das bemerkenswert. Schließlich ist Midjourney ein Unternehmen, das gerade von Disney, Warner Bros. und Universal verklagt wird — unter anderem mit der Begründung, fremdes geistiges Eigentum ohne Nennung zu verwenden. Man könnte meinen, man hätte ein Gespür dafür entwickelt, wessen Arbeit man da eigentlich zeigt.
Und hier hat man noch weniger vorzuweisen. Genau genommen, nichts. Nada. Die Technologie ist von Butterfly. Die Software zur Bildgebung enthält keine KI. Das muss man Goutieren: der Pionier im KI-Land lässt alles hinter sich, was mal die „Kernkompetenz“ von Midjourney ausmachte. Was er mitbringt? Eine Marke, die für erfundene Bilder steht, für ein Gerät, das präzise und echte Abbildungen liefern soll. Ausgerechnet.
Was der Scanner kann – und was Midjourney behauptet
Die Zahlen, die Midjourney präsentiert, sind eindrucksvoll. Auflösung bis auf einen halben Millimeter — vergleichbar mit klinischen MRT-Geräten. Zehnmal günstiger als ein MRI. Sechzigmal schneller. Keine ionisierende Strahlung, keine Magnetfelder.
Was davon stimmt? Der Prototyp existiert. Er wurde live vorgeführt. Zwölf Menschen wurden damit gescannt. Die 60 Sekunden sind ein Ziel, kein aktueller Betriebswert — Stand heute dauert ein Scan eher 20 Minuten. Die Auflösung von einem halben Millimeter ist auf Augenhöhe mit Standard-MRT, aber weit entfernt von den auflösungsstärkeren klinischen Hochfeldgeräten. Und eine FDA-Zulassung für diagnostische Zwecke: nicht vorhanden.
Midjourney ist offen damit. Man werde zunächst „nur detaillierte Körperzusammensetzungskarten” anbieten und nach und nach Testergebnisse bei der FDA einreichen. Auf gut Deutsch: Was sie bauen, ist derzeit ein sehr teurer Ganzkörper-Fettmessungssapparat mit Wellnesserlebnis, der irgendwann vielleicht ein Diagnosegerät wird.
Was der Scanner nicht kann — und was Midjourney verschweigt
Aber es gibt noch ein grundsätzlicheres Problem, das in keiner Pressemitteilung auftaucht: den Schädelknochen.
Ultraschall funktioniert hervorragend in Weichgewebe — Muskeln, Fett, Organe, Gefäße. Knochen ist eine andere Geschichte. Der Schädel reflektiert Schallwellen an seiner harten Außenschicht und streut sie in der schwammartigen Innenstruktur. Das Ergebnis: Das Gehirn bleibt für konventionellen Ultraschall im Wesentlichen unsichtbar. In der Medizin gibt es zwar die transkranielle Sonographie — aber nur durch winzige, dünnwandige Stellen am Schläfenbein, und selbst dort ist die Bildqualität so begrenzt, dass sie vor allem zur Messung von Blutfluss und Hirndruck taugt, nicht zur anatomischen Darstellung. Für eine strukturelle Hirndiagnostik braucht man nach wie vor MRT oder CT.
Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet: Der Midjourney Scanner kann — physikalisch, nicht regulatorisch — das Gehirn nicht abbilden. Wer also behauptet, dieses Gerät sei „in vielerlei Hinsicht besser als ein MRT”, sollte vielleicht dazusagen, dass es einen ziemlich wesentlichen Teil des menschlichen Körpers schlicht nicht sieht. Den Teil, der denkt.
Und das alles im Spa.
Das Spa. Ja, das Spa.
Die Vision ist folgendermaßen: Eine gut 2.000 Quadratmeter große Anlage in San Francisco, mit Whirlpools, Saunen, Kaltwasserbädern und einem Fitnessstudio. Dazwischen, wie ein ganz normales Wellness-Angebot, der Ganzkörperscanner. Man geht also ins Spa, entspannt ein bisschen, und lässt sich dann in ein Wasserreservoir mit Ultraschallkanonen absenken. Holz hat das als „entspannten Ausflug ins Spa“ beschrieben, „so mächtig wie ein MRT”.
Öffnung: Ende 2027. Wenn die Regulierung mitspielt.
„Regulation is the next limit,” schreibt Midjourney in ihrem Blogpost. Das ist eine interessante Formulierung. Normalerweise sagen Medizingeräteunternehmen: „Wir brauchen die Zulassung.” Midjourney sagt: Die Regulierung ist das nächste Hindernis, das wir überwinden müssen. Das klingt wie jemand, der zum ersten Mal im Gesundheitssektor unterwegs ist und die FDA für eine besonders nervige Behörde hält, die man irgendwie überreden muss.
Die FDA ist keine nervige Behörde. Die FDA ist der Grund, warum Menschen nicht sterben, wenn ein Gerät behauptet, Tumore zu erkennen.
Warum das alles gerade passiert
Hier wird es interessant.
Midjourney ist ein außergewöhnliches Unternehmen. Kein Venture Capital. Keine externen Investoren. Etwas mehr 100 Mitarbeiter. 500 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Das ist eine der effizientesten Maschinen in der gesamten KI-Branche — fast fünf Millionen Dollar Umsatz pro Mitarbeiter. Profitabel seit dem zweiten Monat nach dem Launch.
Und trotzdem: Der Markt, den sie erfunden haben, ist nicht mehr allein ihrer.
FLUX vom deutschen Black Forest Labs macht qualitativ beeindruckende Bilder und ist teilweise Open Source — also effektiv kostenlos für alle, die einen GPU haben. Adobe Firefly ist tief in Creative Cloud integriert und bietet als einziges Werkzeug rechtssichere Indemnifizierung. OpenAIs GPT Image 2 ist für die 200 Millionen ChatGPT-Nutzer einfach schon da. Stable Diffusion läuft auf dem eigenen Rechner. Google hat Nano Banana 2, integriert in Gemini. Grok hat sein Bildmodul (nein, Grok verlinkt Der Promptologe nicht. Wenn Du jetzt fragen musst — warum? — dann solltest Du deine Lebensentscheidungen überdenken).
Und Midjourney kämpft gleichzeitig auf einer weiteren Front. Disney, Universal, Warner Bros., DreamWorks, Lucasfilm, Marvel, DC — ein beeindruckend vollständiges Lineup der Entertainmentindustrie — haben Sammelklagen eingereicht. Warner Bros. fordert 150.000 Dollar pro infringiertem Werk. Bei Millionen von erzeugten Bildern könnte das, im Extremfall, in den Milliardenbereich gehen.
Das ist die Situation: Wachsender Wettbewerb im Kerngeschäft, sinkende Preisbereitschaft der Nutzer durch kostenlose Alternativen, und eine existenzielle Rechtsunsicherheit im Hintergrund.
In dieser Situation baut man ein Spa.
Der Elefant im Wasserbassin
Der Promptologe möchte an dieser Stelle eine etwas unbequeme Beobachtung machen.
Wenn ein Unternehmen mit einer Kernkompetenz in einem Bereich plötzlich in ein völlig fremdes Feld kippt — Hardware, Medizin, Regulierung, Spa-Betrieb – dann ist das manchmal Genie. Steve Jobs hat auch nicht mit Musik angefangen. Amazon hat auch nicht als Cloud-Anbieter gestartet.
Manchmal ist es aber auch das Zeichen, dass das ursprüngliche Geschäftsmodell unter Druck steht. Dass man in einem Board-Meeting oder bei einem langen Spaziergang zu dem Schluss kommt: Wo wir gerade stehen, ist nicht sicher. Also: Wohin als nächstes?
Midjourneys Schritt ist insofern bemerkenswert, als er das genaue Gegenteil einer KI-Firma zeigt. Keine Skalierung der Rechenkapazität, kein neues Basismodell, kein API-Ausbau. Stattdessen: Lizenzierung fremder Hardware, Eintritt in einen regulierten Markt mit jahrelangen Zulassungszyklen, Planung einer Immobilie in San Francisco.
Das ist nicht Verlagern als Stärke. Das ist Stochern im Nebel. Warum ausgerechnet Ultraschall-Scans? Warum Butterfly? Man sucht im Marketing-Gewäsch nach greifbaren Aussagen. Da ist nichts.
Midjourney verlässt nicht seinen Markt, weil der Markt zu klein ist. Der Markt für KI-Bildgenerierung ist groß. Aber er ist in rasanter Geschwindigkeit komplizierter geworden. Billiger. Rechtlich exponiert. Wettbewerbsintensiver.
Und irgendwo auf dem langen Weg von „Text zu Bild in drei Sekunden” nach „Bitte steigen Sie in das Wasserbassin” ist ein Unternehmen verlorengegangen, das wusste, was es war.
Was das für den Rest der Branche bedeutet
Es ist kein Geheimnis, dass die KI-Branche gerade auf dem Papier viele Dinge ist, die sie in der Realität noch nicht ist. Bewertungen, die auf hypothetischen Zukunftsmärkten basieren. Umsätze, die auf Subskriptionsgebühren von Enthusiasten ruhen, nicht auf Enterprise-Budgets. Recheninfrastruktur, die Milliarden kostet und durch Abos von zehn Dollar pro Monat refinanziert werden soll.
Midjourney ist eines der wenigen KI-Unternehmen, das tatsächlich profitabel ist. Das macht seinen Pivot nicht weniger symptomatisch — im Gegenteil. Wenn ausgerechnet die profitable Ausnahme anfängt, ihr Kerngeschäft durch Badewannen zu ergänzen, dann sagt das etwas über den Zustand der Branche insgesamt.
Die KI-Blase muss nicht dramatisch platzen. Sie kann auch leise schrumpfen. Wenn Unternehmen, die für KI-Bildgenerierung stehen, plötzlich Ultraschallspas planen. Wenn die Differenzierung zu anderen Modellen schwerer fällt. Wenn die Rechtskosten steigen. Wenn Nutzer merken, dass das kostenlose Modell für ihre Zwecke ausreicht.
Dann ist die Blase nicht geplatzt. Sie ist einfach kleiner geworden als gedacht.
Der Promptologe wünscht David Holz alles Gute mit dem Spa. Ernsthaft. Die Technologie dahinter ist real. Butterfly Network baut gute Geräte. Ultraschall-Computertomographie ist ein interessantes Forschungsfeld, das an der Caltech und anderswo ernsthaft verfolgt wird.
Ob ein Bildgenerierungsunternehmen der richtige Betreiber dafür ist, werden die FDA, die Patientinnen und Patienten von 2028 und die Gerichte in Los Angeles entscheiden.
Bis dahin ist der Promptologe froh, dass seine Bilder immer noch von einem Algorithmus kommen.
Und nicht aus einer Badewanne.
Der Promptologe, 20.06.26
Offenlegung: Dieser Beitrag entstand mit Hilfe von Anthropic Claude.
(Nein, der Gedanken — ist kein Hinweis auf die KI. Ich schreibe so. Bin altmodisch.)




