Diese Woche war keine gute für die KI- und Tech-Branche in den USA: Metas Ray-Ban-Brille hat ein Perversen-Image und jetzt auch noch Gesichtserkennung, Amerikaner wollen lieber neben einem Atomkraftwerk als neben einem Datacenter wohnen, die Chinesen toppen die Download-Charts und OpenAI zieht die Handbremse. Trotzdem steht uns der Gröbaz (Größter Börsengang aller Zeiten) bevor. Mal wieder. Musk beißt gerade in die nächste Tischkante.
Meta baute Gesichtserkennung heimlich in die „Perversen-Brille“ ein
„Pervert-Glasses“ – so heißen die Meta-Kamerabrillen von Ray-Ban inzwischen in den USA, befeuert durch Missbrauch. Was jetzt total überraschend kommt: Perverslinge filmen heimlich Frauen, veröffentlichen die Aufnahmen in asozialen Netzwerken und erreichen Millionen Abrufe. Und was macht Zuckerberg? Er baut eine automatische Gesichtserkennung in die Brillen ein, wie eine Recherche von WIRED zeigt. Ein System namens „NameTag“ ist bereits seit Januar in die App integriert, die für den Betrieb der Ray-Ban- und Oakley-Smart-Glasses nötig ist — heruntergeladen über 50 Millionen Mal, aktiviert bislang nicht. Im Mai tauchte die Funktion unter dem freundlicheren Namen „Connections“ auf. Der Sicherheitsforscher Cooper Quintin von der Electronic Frontier Foundation (EFF) testete den Code und warnte: „The feature is not yet exposed to consumers but seems nearly ready to go. Despite the billions of reasons not to, Meta seems to have created the capacity to turn their customers into a distributed surveillance machine.“ Ein zweiter Forscher, der unter dem Pseudonym Buchodi arbeitet, fütterte das System testweise mit einem Foto des verstorbenen Philosophen Michel Foucault — die App meldete postwendend „Person recognized“. Meta bestreitet gegenüber WIRED, bereits etwas ausgerollt zu haben, und betont, keine zentrale Gesichtsdatenbank aufzubauen. Was wir natürlich glauben. Parallel dazu hat in Deutschland das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie eine Petition gegen Kamerabrillen gestartet und fordert ein Einschreiten der Bundesnetzagentur — Geschäftsführer Markus Beckedahl verweist auf den Präzedenzfall der Spielzeugpuppe „My friend Cayla“, die 2017 wegen heimlicher Tonaufnahmen vom Markt genommen wurde: „Als eine Puppe heimlich mithören konnte, hat die Bundesnetzagentur sie vom Markt genommen. Bei einer Brille, die heimlich mitfilmt, schaut sie bisher zu.“ Zwei Kontinente, ein Muster: Erst die Technik verbreiten, dann über die Freigabe nachdenken.
→ Quelle: Meta Silently Added Face-Recognition Code for Its Smart Glasses to Millions of Phones (WIRED)
→ Quelle: Meta Silently Added Face-Recognition Code for Its Smart Glasses to Millions of Phones (WIRED)
→ Quelle: Heimliche Filmerei: Petition gegen Metas Smart Glasses (heise)
Der KI-Widerstand wird messbar: lieber ein Atomkraftwerk in der Nachbarschaft als ein Datacenter
Dass die Stimmung kippt, ist keine gefühlte Wahrnehmung mehr, sondern inzwischen in Zahlen gegossen. Laut einer Gallup-Umfrage von März lehnen 71 Prozent der US-Amerikaner den Bau eines KI-Rechenzentrums in ihrer Nachbarschaft ab, 48 Prozent davon „strongly opposed“ — mehr Ablehnung, als Gallup je bei der Frage nach einem neuen Atomkraftwerk in der Nähe gemessen hat (Höchstwert seit 2001: 63 Prozent). Hauptsorgen der Gegner sind laut Umfrage der Ressourcenverbrauch (Wasser, Energie) sowie Lärm- und Umweltbelastung. Parallel meldet Bloomberg unter Berufung auf eine Pew-Research-Umfrage vom Juni, dass erstmals seit Beginn der Erhebung 2021 die Mehrheit der US-Erwachsenen unter 30 Jahren gegenüber KI mehr besorgt als begeistert ist — jene Altersgruppe, die bislang als technikaffinste und optimistischste galt, ist damit inzwischen eine der skeptischsten. Die Branche, die noch vor Kurzem vor allem über Rechenleistung sprach, wird sich zunehmend auch mit Zustimmungswerten befassen müssen.
→ Quelle: Americans Oppose AI Data Centers in Their Area (Gallup)
→ Quelle: Young Americans Become More Hostile to AI, Fearing Job Losses (Bloomberg)
Anthropic und OpenAI liefern sich ein Wettrennen an die Börse — befeuert von Nvidia-Milliarden
Anthropic meldet für Ende Juli eine annualisierte Umsatzrate von 65 Milliarden Dollar— eine Versiebenfachung binnen eines Jahres, nur Monate nach einer Finanzierungsrunde über ebenfalls 65 Milliarden Dollar im Mai bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar. Laut Bloomberg peilt das Unternehmen für seinen Börsengang, der schon Ende August eingereicht werden soll, den Rekord-IPO von SpaceX an oder will ihn übertreffen. OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar hält dagegen: „We will be a public company in 2027“ oder früher — und sollte Anthropic im September vorpreschen, „that’s OK, we are running our own race.“ OpenAIs eigene Umsatzrate liegt laut CNBC bei über 40 Milliarden Dollar. Befeuert wird das Wachstum auch von Nvidia, das laut Bloomberg bis zu 105 Milliarden Dollar in einen neuen OpenAI-Rechenzentrumskomplex in Ohio steckt.
Zum IPO-Rennen der beiden Labore folgt in der kommenden Ausgabe des Newsletters ein ausführlicher Bericht.
→ Quelle: Anthropic's Annualized Revenue Tops $65 Billion Before IPO (Bloomberg)
→ Quelle: Anthropic Expects to Match or Top SpaceX's Record IPO Size (Bloomberg)
→ Quelle: OpenAI 'will be a public company in 2027' or sooner, CFO Friar tells employees (CNBC)
→ Quelle: Nvidia Will Back First Phase of OpenAI Project With as Much as $105 Billion (Bloomberg)
Die Chinesen kommen: DeepSeek vervierfacht seine Preise — bleibt aber der Rabattanbieter
Was DeepSeek vor zwei Wochen nur vage als „relativ große“ Preiserhöhung ankündigte, ist jetzt konkret: Laut Wall Street Journal hebt das chinesische Unternehmen die Preise für seine V4-Flaggschiffmodelle um das Vierfache an. Auch nach der Erhöhung liegen die Preise laut WSJ weiterhin deutlich unter denen der Konkurrenz. Der Kurswechsel weg vom reinen Kampfpreis bleibt damit ein Kurswechsel mit Ansage — nur eben jetzt mit Kommastellen. Und ich muss meinen Artikel über die Preislandschaft der KI-Modelle aktualisieren. Wieder mal.
→ Quelle: DeepSeek Lifts AI Model Prices Fourfold (WSJ)
Die Chinesen sind schon da: Alibabas Qwen zieht an Meta und Google vorbei — 3 Milliarden Downloads
Ausgerechnet ein chinesisches Unternehmen führt inzwischen die globale Open-Weight-Statistik an: Laut einem „State of Open Models“-Report von Hugging Face vom 14. August kommen Alibabas Qwen-Modelle in den vergangenen sechs Monaten auf mehr als 3 Milliarden Downloads — mehr als 460 offene Modelle, ein Ökosystem mit über 300.000 abgeleiteten Varianten. Zum Vergleich: Google kam 2026 auf 418 Millionen, Meta auf 227 Millionen Downloads. Der Report nennt Qwen „one of the largest foundations of the open AI ecosystem“ und stellt fest: „Qwen has become part of the default workflow for developers deciding what models to fine-tune and deploy.“ Während US-Anbieter noch über offene versus geschlossene Modelle diskutieren, hat Alibaba längst die Infrastruktur gebaut, an der viele Entwickler kaum noch vorbeikommen.
→ Quelle: Alibaba AI models hit 3 billion downloads, passing Meta, Google (Fortune)
OpenAI stoppt sein größtes Trainings-Rennen — aus Angst vor der eigenen Technik
Am 18. August bestätigte OpenAI in einem Blogbeitrag, was in Fachkreisen vermutet wurde: Der größte geplante Reinforcement-Learning-Lauf für das nächste Modell bleibt pausiert. Grund sind zwei Entwicklungen — der sogenannte Hugging-Face-Vorfall sowie vorläufige Hinweise, dass das unveröffentlichte Modell „Astra“ die Schwelle für „kritische“ Cybersicherheits-Fähigkeiten im hauseigenen Preparedness Framework erreichen könnte. Nach gut zwei Wochen Trainingsstopp laufen kleinere Workloads inzwischen unter verschärften Kontrollen wieder, der große Lauf jedoch nicht. Die neue, mehrstufige Überwachung soll verdächtiges Verhalten binnen 30 Minuten melden und kostet laut OpenAI rund 20 Prozent der überwachten Rechenleistung — eine unternehmenseigene Schätzung, keine unabhängige Messung. Weder der versprochene Bericht zum Vorfall noch die Belege für Astras Cyberfähigkeiten sind bislang veröffentlicht. Sicherheitschefin Mia Glaese brachte es gegenüber implicator.ai auf den Punkt: „We are very far from everything running back to normal.“
→ Quelle: Pacing model development in an era of cyber-critical capabilities (OpenAI)
→ Quelle: OpenAI Rewrites Safety Rules as Frontier Run Stays Paused (implicator.ai)
Der Promptologe, 21.08.2026
Offenlegung: Dieser Beitrag entstand mit Hilfe von Anthropic Claude.




