Was bleibt vom Journalismus, wenn die KI antwortet
Fünf kluge Köpfe, die zeitweise in den Überlebensmodus gerieten: in die Frage, wie Journalismus sich rettet, statt in die Frage, was verloren geht, wenn er nicht ausreichend gerettet wird
Journalistikprofessor, Nachrichtenchefin, Community-Journalist,
Ai Officer, Gastgeber.
Skizze ChatGPT, Fotovorlage Der Promptologe
Die Session auf dem Festival der Zukunft hieß “Antworten ohne Absender: Was bleibt vom Journalismus, wenn KI antwortet?” – und schon im Titel steckt eine stille Ambition: Hier soll nicht nur über Geschäftsmodelle geredet werden, sondern über etwas Grundsätzlicheres. Über Epistemologie. Über die Frage, was passiert, wenn die öffentliche Meinungsbildung einer Demokratie zunehmend durch Systeme läuft, die keine Herkunft ausweisen, keinen Absender nennen, keine Verantwortung übernehmen.
Gespoilert: Diese Frage wurde nicht beantwortet. Aber was auf dem Weg dorthin herauskam, war trotzdem erhellend – und an einigen Stellen sogar mutig.
Die Runde
Auf der Bühne: Klaus Meier, Journalistikprofessor aus Eichstätt-Ingolstadt und zuständig für den akademischen Realitätscheck. Monika Pilath, Nachrichtenchefin der Zeit. Alexander von Streit, Mitgründer des Krautreporters und Vertreter des “Journalism as Community Project”-Ansatzes. Uli Köppen, Chief AI Officer beim Bayerischen Rundfunk, Aufbauhelferin des BR-Data-Teams und strategische Taktgeberin des AI for Media Network. Moderiert von Wolfgang Kerler, Chefredakteur von 1E9.
Eine bemerkenswert divers aufgestellte Runde. Privatwirtschaft, öffentlich-rechtlich, Wissenschaft, Indie-Medium.
Die gute Nachricht: Vertrauen hält. Vorerst.
Klaus Meier eröffnete mit Zahlen – was man von einem Wissenschaftler erwarten darf. Der Digital News Report 2025, weltweite Befragung in 48 Ländern: 20 Prozent der Menschen vertrauen Nachrichten aus KI-Chatbots. In Deutschland nur 13 Prozent. Gleichzeitig: Vertrauen in etablierte Medienmarken liegt bei 60 bis 70 Prozent, stabil seit Jahren.
Das klingt nach guten Nachrichten. Und es sind welche – mit einem wichtigen Vorbehalt, den Alexander von Streit sofort einbrachte: Vertrauen ist keine Eigenschaft. Vertrauen ist eine Beziehung. Und Beziehungen müssen gepflegt werden. Wer sie auf Reichweite, Clickbait und Plattformabhängigkeit aufgebaut hat, hat kein Kapital angespart – der hat es verbrannt.
Community-Journalist von Streit brachte dabei einen der besten Sätze des Nachmittags: “Die großen Medienmarken haben natürlich wahnsinnige Vorteile, weil die Vertrauensbeziehung da ist. Auf Dauer müssen sie halt gucken, wie sie die Vertrauensbeziehung aufrechterhalten können.”
Das ist weniger optimistisch als es klingt. Denn gleichzeitig räumte er ein: Der große Einbruch ist noch nicht da – aber er kommt. Google hält sich mit AI-Overviews gerade bei Nachrichten noch zurückl, weil es politisch heiß ist. Sobald das nachlässt, trifft es auch den Teil des Qualitätsjournalismus, der heute noch verschont bleibt.
Das Apotheken-Umschau-Argument
Uli Köppen brachte das plastischste Bild des Abends: Der Einbruch kommt zuerst bei Service- und Gesundheitsthemen. “Wenn jetzt hier die Apotheken-Umschau sitzen würde, dann würden die Kollegen eine ganz andere Geschichte erzählen.” Klare Einbrüche bei diesen Inhalten, weil Google und andere AI-Overviews diese Fragen direkt beantworten – und niemand mehr auf die ursprüngliche Seite klickt. (Da musste der Promptologe im Publikum schmunzeln, denn sein Alter Ego kommt von der Apotheken-Umschau und kann das bestätigen.)
Das ist kein hypothetisches Zukunftsszenario. Das passiert gerade. Der digitale Werbemarkt, auf dem ein Großteil der Medienwirtschaft immer noch aufgebaut ist, bricht dort weg, wo KI die einfachen Antworten übernimmt.
Und das wird sich ausweiten. Wer “Was sind die Symptome einer Erkältung?” fragt, der fragt bald auch “Was bedeutet das neue Haushaltsgesetz für mich?” – und kriegt eine Antwort. Ohne Absender.
Das Geschäftsmodell-Dilemma
Der zweite große Block der Diskussion drehte sich um Geld. Wenig überraschend. Aber die Diagnose war klar und wurde von niemandem wirklich widersprochen: Das alte Reichweiten-Modell ist tot. In Zeitlupe, aber sicher.
Von Streit formulierte es direkt: “Das große Geschäftsmodell für die meisten Medienangebote ist, glaube ich, ab jetzt oder sehr bald vergangen.” Was bleibt? Membership. Community. Qualitätsjournalismus als Gemeinschaftsprojekt, für das Menschen bereit sind zu zahlen – weil sie nicht nur Content konsumieren, sondern Teil von etwas sein wollen.
Professor Meier verwies auf Schweden: 55 Prozent der Menschen dort bezahlen digital für Journalismus. Deutschland liegt bei 10 bis 15 Prozent. Den Einwurf, wir hätten in Deutschland aber 99 Prozent, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezahlen, lässt Meier abtropfen: “Schweden hat auch einen sehr guten öffentlich-rechtlichen Rundfunk.”
ÖRR-Journalistin Uli Köppen brachte das Thema Datenmarktplätze ins Spiel, das niemand sonst auf dem Schirm hatte: Medienhäuser könnten künftig nicht nur Content verkaufen, sondern strukturierte Informationen direkt an KI-Systeme lizenzieren. Pro Informationsbit. Das klingt nach Science Fiction, ist aber näher als gedacht – Microsofts dieser Welt bauen solche Infrastrukturen gerade.
Ob das ein tragfähiges Modell für die Branche als Ganzes ist, blieb offen. Wie vieles.
Der BR-Ansatz: Keine Daten ohne Gegenleistung
Uli Köppen hatte einen der klarsten und unbequemsten Beiträge. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sitzt in einer Zwickmühle: einerseits Grundversorgungsauftrag, also möglichst alle erreichen. Andererseits kann er nicht der Strikebreaker sein, der der KI-Industrie alle Daten schenkt, während private Medienhäuser um ihre Existenz kämpfen.
Ihr Fazit: “Daten einfach rausgeben, das ist naiv.” Die ARD fährt stattdessen eine Mehrfachstrategie – Nutzungsvorbehalt, Regulierungsdruck auf EU-Ebene, gleichzeitig Produktentwicklung für neue Kanäle. Eine eigene App auf ChatGPT? Kontrollierte Präsenz auf KI-Plattformen unter eigenen Bedingungen? Das sind keine Träumereien mehr.
Ihr Argument für eigene KI-Produkte war pragmatisch: “Unter Teenagern liegt die Quote regelmäßiger KI-Nutzung zwischen 60 und 90 Prozent. Da muss Journalismus seine Produktentwicklung darauf einstellen.” Nicht um nachzulaufen, sondern um präsent zu sein.
Wenn sechs Minuten fünf Stunden bedeuten
Nachrichtenchefin Monika Pilath präsentierte den Ansatz der Zeit kompakt und unmissverständlich: KI ist Werkzeug, kein Autor. Keine KI-generierten Texte – jedenfalls im Moment nicht. Dafür: KI-gestützte Fakten-Checks, KI im Newsletter-Workflow (bis zu sechs Minuten Zeitersparnis pro Nachricht, bei 50 Nachrichten am Tag wird das relevant), KI für Visualisierungen. Und alles wird gekennzeichnet.
Das NSDAP-Datenbeispiel war bemerkenswert: Die Zeit und der Spiegel haben historische NS-Parteimitgliederdaten mit KI durchforstbar gemacht – eine Rechercheleistung, die ohne KI schlicht nicht möglich gewesen wäre. Das ist der Punkt, an dem KI aufhört, Bedrohung zu sein, und zum Verstärker der journalistischen Kompetenz wird.
Die Frage, ob die Grenze “KI schreibt keinen Text” langfristig haltbar ist, ließ auch Pilath bewusst offen. “Im Moment” war ihre Formulierung. Kluge Absicherung.
Das Lagerfeuer-Argument
Alexander von Streit machte den ungewöhnlichsten Vorstoß: Journalismus braucht physische Orte. Begegnungen. Das Lagerfeuer. Das klingt zunächst wie eine Medienmüde-Reaktion auf digitale Überforderung, ist aber eigentlich strategisch folgerichtig.
Wenn der digitale Raum von Algorithmen dominiert wird, die für andere Metriken optimiert sind als für journalistische Qualität – und KI das nochmal verstärkt –, dann brauchen Medienmarken Kanäle, die sie selbst kontrollieren. Physische Events sind unkündbar. Keine API, kein Algorithmus kann sie wegregulieren.
Das Festival, auf dem sie gerade diskutierten, ist der Beweis. Eine digitale Community (1E9), die ein physisches Festival betreibt, das wiederum die digitale Community stärkt. Der BR macht das seit Jahren mit der Radltour. Die Zeit baut Leser-Parlamente.
Das ist kein Ersatz für Geschäftsmodelle – das sagte von Streit selbst. Aber es ist ein Kanal, der Vertrauen erzeugt, das dann die anderen Kanäle trägt.
Die unbeantwortete Frage
Und jetzt zum Titelversprechen. “Was bleibt vom Journalismus, wenn KI antwortet?”
Die Runde lieferte vernünftige Antworten auf die Frage: Was müssen Medienhäuser tun, um zu überleben? Exklusive Recherche. Transparenz. Community. Neue Geschäftsmodelle. KI als Werkzeug. Physische Präsenz. Das alles ist richtig und wichtig.
Aber die eigentliche Frage – “Antworten ohne Absender” – blieb seltsam peripher. Was passiert mit der Demokratie, wenn der Großteil der Bevölkerung seine Informationen zunehmend aus Systemen bezieht, die keinen Absender nennen, keine Verantwortung übernehmen, keine Redaktion haben? Was passiert mit dem kollektiven Realitätsbild, wenn jeder seinen personalisierten KI-Assistenten befragt – und zwei Menschen in derselben Stadt zu denselben Fakten unterschiedliche Antworten bekommen?
Klaus Meier streifte das kurz: “Die Gesellschaft, die keine gemeinsame Realität mehr hat, die sich überhaupt nicht mehr über Themen austauschen kann.” Aber es blieb beim Streifen. Die Verbindung zwischen KI-gestützter Informationsversorgung und dem, was man früher öffentliche Sphäre nannte, hätte mehr Raum verdient.
Das ist kein Vorwurf an die Panelist*innen. Fünfzig Minuten, fünf Menschen, eine der komplexesten Fragen der Gegenwart. Aber es zeigt, wie schwer es ist, diese Diskussion zu führen, ohne in den Überlebensmodus zu verfallen – also in die Frage, wie Journalismus sich rettet, statt in die Frage, was verloren geht, wenn er nicht ausreichend gerettet wird.
Würden sie es nochmal tun?
Am Ende fragte Kerler alle: Würdet ihr nochmal Journalist werden?
Alle sagten Ja. Mit unterschiedlichen Begründungen: Meier sieht sich besonders gefordert, als Journalistikprofessor, der junge Menschen mit einem Studium in diesen Beruf führt: “Herzblutjournalisten” erlebt er, “die verstanden haben, worum es geht.” Pilath wegen der Bindungen zu Userinnen und Usern, die sich neu aufbauen lassen. Von Streit wegen Demokratieaktivismus (”alternativlos” für ihn, auch wenn es mehr Möglichkeiten gibt, für andere). Köppen, weil sie schon immer wollte (auch wenn ihre Eltern sie lieber als Lehrerin gesehen hätten) – obwohl die Einstiegshürden heute höher sind und das Gehaltsniveau niedrig bleibt.
Das ist entweder beruhigend oder erschreckend, je nach Temperament. Beruhigend, weil Menschen mit Überzeugung besser arbeiten als Menschen mit Kalkül. Erschreckend, weil eine Branche, die auf Herzblut statt auf konkurrenzfähige Gehälter setzt, strukturell ausbeutbar ist.
Uli Köppen sagte es am deutlichsten: “Wir brauchen eigentlich Leute, die auch aus anderen Berufen zu uns kommen. Wir brauchen die Physiker und die Programmierer, die Journalistinnen werden wollen.” Das ist die eigentliche Zukunftsfrage des Berufsbildes – nicht ob KI Texte schreibt, sondern ob Journalismus attraktiv genug bleibt, um die besten Köpfe zu gewinnen, die er braucht.
War gut.
War es eine gute Session? Ja. War die Titelfrage beantwortet? Nicht wirklich – aber das sagt mehr über die Schwierigkeit der Frage als über die Qualität der Runde.
Was bleibt vom Journalismus, wenn KI antwortet? Vorerst: mehr als viele befürchten. Die Vertrauenskapital der großen Marken ist real, das Membership-Modell funktioniert für die, die es konsequent verfolgen, und es gibt Menschen auf diesen Bühnen, die ernsthaft über Zukunft nachdenken statt Nostalgie zu betreiben.
Langfristig: Das hängt davon ab, ob Gesellschaften und ihre Politik entscheiden, dass verlässliche, zurechenbare Information einen Wert hat, den man schützen und finanzieren will. Die Alternative – Antworten ohne Absender, flächendeckend, personalisiert, unüberprüfbar – ist kein Gedankenexperiment mehr.
Sie läuft gerade. Und sie antwortet schneller als jede Redaktion.
Der Promptologe 14.07.26
Offenlegung: Dieser Beitrag entstand mit Hilfe von Anthropic Claude.




