Wenn dich der Copilot in den Wahnsinn treibt
Der Promptologe will in MS365 einen Gruppenkalender anlegen. Für ein Team mit externen und internen Kollegen. Absolut banal. Der Copilot soll helfen. Es endet im Chaos.
Der Copilot weiß immer, warum es so nicht geht. Dumm nur, dass er drei Sätze vorher genau diesen Weg vorgeschlagen hat.
Grafik Nano Banana 2, Prompt der Promptologe
Microsoft erklärt Microsoft. Oder auch nicht.
Der Promptologe hat ja schon einiges erlebt in dieser hyperschnellen neuen KI-Welt. Aber was ihm neulich widerfahren ist, hat selbst ihn kurz innehalten lassen. Mit einer Tasse Kaffee. Und dem leisen Verdacht, dass die Digitalisierung vielleicht doch nicht ganz so weit ist, wie man uns erzählt.
Die Aufgabe klingt nach einem Nachmittag. Einen gemeinsamen Kalender anlegen. In Microsoft Teams. Für eine Gruppe von zwanzig Personen, intern und extern, alle sollen bearbeiten können, bei jedem Termin soll automatisch eine Videokonferenz entstehen. Das klingt nach: Klick, klick, fertig. Schließlich ist das Kalender-Funktion, keine Raketenwissenschaft, und Microsoft ist nun wirklich nicht irgendein Laden.
Der Promptologe beschließt, es modern anzugehen. Er fragt den hauseigenen KI-Assistenten von Microsoft. Den Copilot. Der in alle Microsoft-Produkte eingebettet ist, der das gesamte Microsoft-Universum kennen sollte wie seine Westentasche – oder zumindest wie sein eigenes Menü.
Der Assistent hat eine Meinung. Und noch eine. Und noch eine.
Die erste Antwort kommt prompt und mit vielen bunten Häkchen. Es gibt drei Wege. Nein, eigentlich vier. Der empfohlene ist natürlich der M365-Gruppenkalender. Klar. Logisch. Offiziell vorgesehen. Stabil. Für genau diesen Zweck gebaut. Der Assistent ist sich sehr sicher.
Der Promptologe folgt der Anleitung. Er öffnet Outlook. Er sucht links nach „Gruppen“.
Gruppen: nicht vorhanden.
Er teilt diesen Umstand dem Assistenten mit. Der Copilot ist nicht überrascht. Überhaupt nicht. Er erklärt geduldig, dass das völlig normal sei. Das neue Outlook Web zeige „Gruppen“ nicht mehr so sichtbar wie früher. Das sei „aktuell (2025/2026)“ leider „sehr verwirrend gelöst von Microsoft“.
Der Promptologe reibt sich die Augen. Er redet gerade mit Microsoft. Über Microsoft. Und Microsoft erklärt ihm, dass Microsoft verwirrend sei. Das hat etwas. Das hat sogar sehr viel.
Das Menü, das nicht da ist
Egal, weiter. Der Assistent bietet Lösungsweg Zwei an: „Kalender hinzufügen“ – dann „Aus Gruppenkatalog“. Screenshot folgt. Der Promptologe klickt. Klickt nochmal. Sieht keinen Gruppenkatalog. Macht einen Screenshot. Schickt ihn.
Der Copilot schaut sich den Screenshot an und teilt eine wichtige Erkenntnis mit: In der neuen Outlook-Weboberfläche gibt es den Gruppenkatalog schlicht nicht mehr. Das sei „ein bekanntes UI-Layout“. Kein UI-Problem. Sondern ein Layout. Wertfrei.
Einen Moment bitte.
Der Copilot hat in seiner ersten Antwort empfohlen, über den Gruppenkatalog zu gehen. In seiner zweiten Antwort hat er erklärt, wie man über den Gruppenkatalog geht. Und in seiner dritten Antwort erklärt er, dass es den Gruppenkatalog gar nicht gibt. In der Version, die der Mensch vor sich hat. Immerhin hat er Trost parat für seinen Menschen: „Du hast nichts falsch gemacht“ – da ist der Promptologe aber beruhigt…
Der Promptologe denkt an seinen alten Chemielehrer, der immer sagte: Wer einen Fehler macht, ist menschlich. Wer denselben Fehler zweimal macht, lernt nicht. Wer ihn dreimal macht, hat offenbar eine sehr gute Ausrede.
Teams erklärt Teams, aber weiß es nicht
Gut. Lösungsweg A: Termine direkt aus Teams heraus anlegen. Klingt gut. Klingt einfach. Der Assistent erklärt: Teams öffnen, Kalender, Neue Besprechung, Team auswählen. Screenshot.
Das Formular, das sich öffnet, erlaubt das Einladen von Personen. Das Auswählen eines Teams ist nicht vorgesehen.
Neuer Screenshot. Neue Erklärung. Die ist diesmal bemerkenswert ehrlich: Der Teams-Kalender erstellt „standardmäßig IMMER persönliche Termine“. Nicht Gruppenkalender-Termine. Das sei kein Fehler beim Anwender, das sei grundlegendes Verhalten von Microsoft Teams. Stand 2025/2026.
Der Copilot schreibt das in Großbuchstaben und Fettdruck. Als habe er sich gerade selbst dabei ertappt, seit einer Stunde den falschen Weg beschrieben zu haben. Was er hat. Aber das schreibt er nicht.
Stattdessen: „Du bist völlig korrekt vorgegangen – der Weg A ist in der neuen Teams-Version faktisch nicht nutzbar.“
Man muss das sacken lassen. Ein Weg, den der Assistent selbst empfohlen hat, ist faktisch nicht nutzbar. Das Wort „faktisch“ arbeitet hier Überstunden.
Die Topographie des Scheiterns
Was sich in dieser Konversation entfaltet, ist eine stille Katastrophe. Es gibt Outlook Web. Und Outlook Desktop. Die sehen verschieden aus und können verschiedene Dinge. Es gibt Microsoft Teams, das einen eigenen Kalender hat, der aber nicht der Gruppenkalender ist, auch wenn er so aussieht. Es gibt den M365-Gruppenkalender, der automatisch existiert, sobald ein Team existiert, aber in den neuen Oberflächen so gut versteckt ist, dass er praktisch nicht existiert. Es gibt den Channel Calendar, der nicht für Externe funktioniert. Den SharePoint-Kalender, der grundsätzlich nicht empfohlen wird. Den persönlichen Kalender, der auf gar keinen Fall verwendet werden soll.
Das alles ist Microsoft. Alles heißt Microsoft. Alles gehört zusammen. Es funktioniert nur nicht zusammen.
Der Copilot weiß das alles. Er erklärt es akkurat, sobald man an eine Wand läuft. Er erklärt es nur leider nie, bevor man hineinläuft. Er warnt vor Fallen, die er selbst gestellt hat. Er nennt Wege „empfohlen“, die er drei Nachrichten später als „faktisch nicht nutzbar“ einordnet.
Die eigentliche Pointe
Der Promptologe hat in den letzten Monaten beobachtet, wie KI-Assistenten beim Schreiben von Code helfen, beim Recherchieren, beim Zusammenfassen, beim Übersetzen. Viele dieser Assistenten haben keine eigene Produktwelt. Sie helfen mit dem, was da ist.
Der Copilot hier ist das Produkt des Unternehmens, dessen Software er erklären soll. Er hat Zugriff auf die Dokumentation. Er wurde auf Microsoft-Inhalten trainiert. Er ist in Microsoft-Produkte eingebettet. Er heißt, sinngemäß, nach dem Piloten, der die Maschine fliegen soll.
Und er weiß nicht, dass das Menü, das er empfiehlt, in der Version seiner eigenen Software nicht mehr existiert.
Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Beobachtung. KI-Systeme haben Wissensstände. Oberflächen ändern sich schneller als Trainingsdaten. Das neue Outlook sieht anders aus als das alte. Die Desktop-Version anders als die Web-Version. Wer das nicht weiß, gibt Anleitungen für eine Welt, die so nicht mehr existiert.
Aber es bleibt eine Ironie von beachtlicher Dichte: Die eigene KI des Hauses findet den eigenen Kalender des Hauses nicht. Und empfiehlt am Ende, Termine über Outlook Desktop anzulegen – also über die alte Version, die man eigentlich schon dabei ist, abzulösen.
Der Gruppenkalender existiert übrigens. Automatisch. Schon seit dem Anlegen des Teams. Er ist nur so gut versteckt, dass man einen Microsoft-Assistenten braucht, um ihn zu finden. Und dann einen zweiten, um herauszufinden, dass der erste nicht weiß, wo er ist.
Der Promptologe hat den Kaffee kalt werden lassen und dann das Fenster auf dem Bildschirm geschlossen. Draußen scheint die Sonne. Manche Dinge sind einfacher.
P.S. Der Promptologe hat dann Claude in der gleichen Rolle als Assistent eingesetzt. Das funktionierte einwandfrei, extrem effizient und führte schnell zum Ziel: Nein, Externe können einen Gruppenkalender nicht bearbeiten, nur ansehen. Da muss man schon eine Platzlizenz bei MS kaufen.
Offenlegung: Dieser Text entstand mit der aktiven Unterstützung
durch Anthropic Claude







