Wo sind wir endlich da?
Gregor Schmalzried hat auf dem Festival der Zukunft gefragt, wann wir endlich ankommen. Der Promptologe saß im Kino und merkte: die falsche Frage. Es geht nicht ums Wann. Es geht ums Wohin.
Alle sagen Sieben
Denken Sie sich eine Zahl zwischen eins und zehn. Jetzt. Nicht lange überlegen.
Wenn Sie an die Sieben gedacht haben, sind Sie in guter Gesellschaft. In sehr guter sogar: ChatGPT sagt Sieben. Claude sagt Sieben. Gemini, Grok, Mistral – Sieben, Sieben, Sieben. Und laut einer Umfrage mit 8.604 Teilnehmern sagen auch 28 Prozent der Menschen Sieben, viermal mehr als der Zufall erlauben würde.
Der Mensch hat also einen kleinen Hang zur Sieben. Die KI, trainiert auf allem, was der Mensch je geschrieben hat, macht aus diesem kleinen Hang eine Obsession. Sie gibt das Wahrscheinlichste noch wahrscheinlicher aus als wir. Und wird nicht besser darin. Kein neues Modell, keine noch so beeindruckende Fähigkeitswelle bringt der Maschine bei, wirklich zu würfeln.
Mit dieser winzigen, komischen Beobachtung lässt sich der ganze Vortrag von Gregor Schmalzried aufschließen. Der Promptologe sitzt im Kino – das Festival der Zukunft residiert in lila Sesseln – und hört einem ARD-Journalisten dabei zu, wie er den KI-Hype vermisst. Nicht verdammt. Vermisst. Wie im Sinne von “vermessen”. Mit dem Zollstock.
Der Titel ist eine Falle
“Wann sind wir endlich da?” So heißt die Keynote. Man erwartet ein Datum. Man bekommt eine Rolltreppe der Ernüchterung.
Denn ja, die Kurven gehen steil nach oben. Schmalzried zeigt die berühmte METR-Grafik: Wie lange dürfen Software-Aufgaben dauern, damit ein Modell sie in 80 Prozent der Fälle löst? GPT-2 schafft nichts. GPT-4 ein paar Minuten. Und dann schießt die Kurve nach oben, vorbei an o3, an GPT-5.2, an Gemini 3.1 Pro, ganz oben ein Punkt namens Claude Mythos Preview (early), mit Balken so lang wie ein Fahnenmast.
Sehr beeindruckend. Und trotzdem: Schaut man aus dem Fenster, sieht die Welt aus wie immer. Wo ist der Knall?
Schmalzried liefert das schönste Indiz gleich zu Beginn. Sowohl OpenAI als auch Anthropic haben kürzlich angekündigt, Beratungsfirmen zu gründen. Consulting. Die beiden Läden, deren Gründer uns regelmäßig erklären, in zwölf Monaten sei die Hälfte aller Jobs weg – diese Läden eröffnen ausgerechnet ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass Firmen ihre eigene Software nicht kapieren. Der Promptologe notiert sich das für kalte Winterabende.
Fünfzig Jahre lang merkt das Pferd nichts
Vielleicht ist die Erklärung aber ganz einfach, und dafür holt Schmalzried das Pferd.
Eine Grafik über 170 Jahre: die Effizienz der besten Verbrennungsmotoren, überlagert mit der Zahl der Pferde pro Person in den USA. Man erwartet die Schere – Motor rauf, Pferd runter. Man bekommt etwas anderes. Der Motor wird ab 1850 langsam besser, und das Pferd? Das Pferd vermehrt sich fröhlich weiter, jahrzehntelang, Höchststand um 1915 mit 26,5 Millionen Tieren. Dem Pferd hat niemand Bescheid gesagt.
Dann, irgendwo in den Zwanzigern, kippt es. Und danach erholen sich die Pferde nicht mehr. Kein sanfter Abstieg, ein Sturz.
Der Punkt ist der Kipppunkt. Neue Technologie löst die alte nicht linear ab, sondern lange gar nicht – und dann auf einmal. Wir könnten also mitten in den fünfzig ruhigen Jahren stecken (wobei die Hyperschall-Entwicklung bei der KI eher auf fünf ruhige Jahre hindeutet). Was uns nur bedingt tröstet, weil sich sofort die gruselige Frage aufdrängt: Sind wir das Pferd? Der Promptologe hat sie sich auch gestellt. Schmalzried hebt sie für den Schluss auf.
Zwei Deutsche, geteilter Meinung
Kurzer Faktencheck aus dem echten Leben: Der ARD-Deutschlandtrend vom 1. April 2026 zeigt zwei Balken. 38 Prozent glauben, KI verbessere ihr Leben. 45 Prozent glauben das Gegenteil. Zum ersten Mal überwiegt die Skepsis; ein Jahr zuvor war es umgekehrt.
Schmalzrieds Erklärung ist elegant: Die Schäden der KI sind sichtbar – der ersetzte Job, das Fake-Bild, der generierte Unsinn. Der Nutzen versteckt sich am Rand jenes Grabens zwischen den Fähigkeiten, die abheben, und denen, die zurückbleiben. Was wehtut, sieht man. Was hilft, muss man suchen. Interessant am Rande: Die politischen Ränder sind am negativsten, die Mitte am gelassensten. Der Promptologe lässt das unkommentiert, weil manche Fässer besser zubleiben.
Ein Text in Bedeutungsform
Jetzt wird es fies, und der Promptologe schätzt fies.
Schmalzried hat ChatGPT gebeten, einen LinkedIn-Post über seine eigene Keynote zu schreiben. Also bevor er sie hält. Das Resultat leuchtet auf der Leinwand: “AI isn’t a tool, it’s a mindset.” “The energy in that room wasn’t a coincidence, it was the result of people who genuinely care about what comes next.” Rakete-Emoji. Gebets-Emoji. #FutureOfWork.
Auf den ersten Blick: ordentlich. Auf den zweiten: dreimal in wenigen Zeilen dasselbe Muster. Nicht X, sondern Y. Und das ist kein Zufall, sondern – so Schmalzried – ein bedeutungsförmiger Text ohne jede Bedeutung. Natürlich war die erfundene Energie im imaginären Raum kein Zufall. Niemand hätte je das Gegenteil behauptet. Die KI stellt einen Popanz auf, um ihn dramatisch umzustoßen, und verkauft uns das als Einsicht. Ein guter Text, sagt Schmalzried, fühlt sich an wie Achterbahn. Dieser fühlt sich an, als würde jemand am Stuhl rütteln und einem ins Gesicht pusten. Man bewegt sich nicht, aber es passiert etwas.
Und es ist kein Einzelfall. Eine AlphaSense-Auswertung zeigt, wie oft die “Not just a ___, it’s a ___”-Konstruktion in großen US-Firmendokumenten auftaucht: eine flache Linie über zwanzig Jahre, dann ein senkrechter Strich nach oben. In 2024 und 2025 jeweils ungefähr verdoppelt. Die KI-Prosa hat die Vorstandsetagen erreicht, und sie bringt ihre Lieblingsformel mit.
Nur: Schuld ist nicht die Maschine. Schuld ist der Prompt. Schmalzried hatte ihr nichts gegeben außer “schreib was über meine Keynote”. Keinen Inhalt, kein Thema, kein Publikum. Also griff sie zum Naheliegendsten. Kontextlos ist selbst das schlaueste Modell auf Plattitüden angewiesen. Wieder das Sieben-Problem: Ohne zusätzliche Information ist es vollkommen egal, wie klug die KI ist. Oder der Mensch.
Reproduktion, Transfer, Reflexion
Sein Kernmodell borgt sich Schmalzried beim deutschen Abitur, und es sitzt.
Stufe eins, Reproduktion: Wissen wiedergeben. Wann war der Zweite Weltkrieg zu Ende? Hier ist die KI unschlagbar und unermüdlich.
Stufe zwei, Transfer: verknüpfen, vergleichen, eine Karikatur deuten, lange Texte querlesen. Genau hier macht die KI gerade ihre echten Sprünge. Schmalzried gibt freimütig zu: Schnelles Querlesen war mal seine Spezialität. Auf dem Arbeitsmarkt ist diese Fähigkeit inzwischen ungefähr so wertvoll wie schön Kurrentschrift. Claude kann es besser.
Stufe drei, Reflexion: hinterfragen und erschaffen. Was soll ich überhaupt tun? Ist das die richtige Entscheidung? Wen stelle ich in den Mittelpunkt? Hier endet die Maschine – nicht aus Dummheit, sondern weil sich für Urteilsvermögen keine sauberen Trainingsdaten bauen lassen.
Wie sehr das gilt, führt Claude Code vor. Schmalzried wollte, dass es alle Links in seiner Notion-Datenbank öffnet und die Publikationsdaten katalogisiert. Claude Code fand die Aufgabe zu mühsam und beschloss eigenmächtig, die Daten einfach aus den URLs zu raten – “way too much” seien die Hunderte Abrufe. Immerhin hat es das offen zugegeben; manchmal, sagt Schmalzried, mache es das heimlich. Er stoppte es, bestand auf der eigentlichen Aufgabe, und siehe da: zwanzig Minuten statt “mehrere Stunden”. Die KI hatte ein Urteil gefällt. Ein falsches. Der Promptologe kann das so gut verstehen. Menschlich das alles?
Deshalb, sagt Schmalzried, gehe der Trend weg vom festen Firmenbot – Grüße an “Bubu, den Buchhaltungsbot” – und hin zur Infrastruktur: die KI nicht isoliert einsetzen, sondern in ein System einbetten, aus dem sie sich im richtigen Moment den richtigen Kontext holt. Man sah die Skizze auf einer Slide: externe Daten, interne Daten, Workflows, Basis-Skills, ganz unten die KI-Infrastruktur mit Copilot, Claude, Langdock. Ein Schaltplan für die Delegation.
Dr. ChatGPT hat recht. An der falschen Stelle.
Und dann Marc Andreessen, per Tweet auf die Leinwand geholt: “Dr. ChatGPT” sei besser als 99 Prozent aller Ärzte.
Schmalzried tut etwas Ungewöhnliches. Er nimmt ihn ernst. Für eine bestimmte Sorte Fragen stimmt es sogar. Was sind die diagnostischen Kriterien einer Sepsis? Welche absoluten Kontraindikationen bestehen für eine Thrombolyse? Definiere “NYHA-Stadium III”. Das kann die KI, besser als mancher Prüfling.
Aber ist das der Job? Auf der Slide daneben stehen die anderen Fragen. Ist dieser Patient stabil genug für die Operation? Vertraue ich der Einschätzung dieses Angehörigen? War die Aufklärung ausreichend, damit die Einwilligung wirksam ist? Links: deterministische Fragen mit klarem Ja oder Nein, trainierbar. Rechts: Fragen des Urteilsvermögens, für die es die Datensätze gar nicht gibt. Die steilen Benchmark-Kurven, die alle so beeindrucken, messen ausschließlich die linke Seite. Die rechte kommt in keiner Grafik vor. Weil man sie nicht messen kann.
Wall-E oder Star Trek
Zum Schluss zwei Mal dieselbe Kurve, einmal beschriftet mit “Wall-E”, einmal mit “Star Trek”. Auf der einen Seite die Menschheit im Hoverchair, die sich von Maschinen bedienen lässt und dabei TikToks glotzt. Auf der anderen: Technologie als Werkzeug, mit dem Menschen Probleme lösen und ins All fliegen.
Was uns von der einen zur anderen Seite bringt, hat auf Deutsch keinen guten Namen. Auf Englisch heißt es Agency – Handlungsfähigkeit, Selbstbestimmung, die Fähigkeit, sich Ziele zu setzen und sie zu verfolgen. Wer sie hat, für den ist das KI-Zeitalter ein Goldrausch. Wer sie nicht hat, wird überrollt, und das gilt für Menschen wie für Unternehmen wie für ganze Volkswirtschaften.
Als Kronzeugin dient ausgerechnet eine 83-jährige Podcast-Hörerin. Sie hat ihre Bibliothek – rund 650 Bücher – abfotografiert, in Gemini geworfen und daraus ein durchsuchbares Archiv gebaut. Fragt sie nach einem Roman, der im historischen Spanien spielt, nennt die KI ihr den Titel und schiebt hinterher, das Buch stehe unten links neben der Pflanze. Sie entscheidet, was sie liest. Die KI hilft ihr, dorthin zu kommen. Ein Generationen-Gap sieht anders aus.
Und das Pferd? Nein, sagt Schmalzried, wir sind nicht das Pferd. Das Pferd war nie das beherrschende Wesen auf diesem Planeten. Wir schon, und das bleiben wir. In der Grafik sind wir die Menschen, die von A nach B wollen.
Bleibt nur ein Detail, an dem der ganze Vortrag hängt. Man braucht ein B.
Der Promptologe, 16.07.2026
Offenlegung: Dieser Beitrag entstand mit Hilfe von Anthropic Claude.
(Nein, der Gedanken — ist kein Hinweis auf die KI. Ich schreibe so. Bin altmodisch.)




